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Ist der Krypto-Vulkan versiegt? Nein! Unter der Oberfläche brodelt es!


SEC-Klagen, Stablecoin-Flaute, NFT-Sinkflug, Coin-Diebstähle und Krypto-Promi-Verhaftungen – seismische Ereignisse wie diese haben die Kryptowelt in den letzten Monaten stark erschüttert. Und auch um Bitcoin & Co. ist es zuletzt erstaunlich still geworden – doch in der Branche brodelt die Innovationswut mehr als je zuvor. Kryptokontor zeigt die aktuell spannendsten Projekte der Szene im Überblick.


In den letzten Wochen hat die US-amerikanische Börsenaufsicht SEC (Securities and Exchange Commission) den Kryptomarkt enorm belastet. Mit Binance und Coinbase hat sie gleich zwei der weltweit größten Kryptobörsen mit Anklagen konfrontiert und darüber hinaus bekannte Kryptowährungen wie Solana, Cardano und Polygon als unregistrierte „Securities“, also als Wertpapiere, die keine offizielle Handelserlaubnis haben, eingestuft. Parallel steckt die US-Behörde mitten in einem Rechtstreit mit Ripple darüber, ob XRP ein Wertpapier sei, und wettert gegen zahlreiche weitere Blockchain-Projekte, wie Decentraland oder Axie Infinity.


Die regulatorische Unsicherheit in den USA ist teilweise auch in den Privatsektor übergeschwappt – zumindest scheint es so. Etliche Unternehmen, die sich zu Hochzeiten des Krypto-Booms noch stolz eine Blockchain-Identität auf die Fahne geschrieben hatten, versuchen zurzeit ihr Image anderweitig aufzupolieren. Einige nehmen neutralere Etiketten wie „Web 3.0“ an, andere meiden Buzzwords wie digitale Assets und Blockchain in ihrer externen Kommunikation, oder versuchen sich gar komplett neu aufzustellen und bei aufstrebenden Technologien wie der künstlichen Intelligenz, kurz „KI“ oder „AI“ (Artificial Intelligence), mitzumischen.


AI statt Bitcoin?


Was wie der Untergang der Kryptowelt klingen mag, ist im Kern nur der Deckmantel einer neuen Revolution. Denn den regulatorischen Turbulenzen in den USA steht zurzeit weitaus größere Klarheit in Europa und Asien gegenüber: So wurde in Europa erst kürzlich für das neue MiCA-Framework gestimmt, das Krypto-Firmen in Zukunft einen rechtssicheren – wenn auch nicht allumfassenden – Rahmen bieten soll, um Innovationen in der Branche voranzutreiben. Hongkong hat mit einer neuen Reform den Handel mit Krypto-Vermögenswerten für Privatanleger legalisiert und erleichtert so als einer der wichtigsten Financial-Hubs im asiatischen Raum auch chinesischen Investoren den Zugang zum Markt. Selbst in Russland bietet mit der staatlich kontrollierten Sberbank das größte Finanzinstitut des Landes mittlerweile den Handel mit Kryptowährungen an.


Wenn die Regulierungsbehörden in den USA also immer mehr dafür tun Innovationstreiber und Young Talents der Krypto-Szene an das Ausland zu verlieren, verwundert es kaum, dass Krypto-Pioniere ihre Arbeit seit geraumer Zeit nach außen hin mit Begrifflichkeiten wie „AI“ oder „Web 3.0“ tarnen. Doch bei genauerer Betrachtung zeigt sich: Der Urquell dieser Projekte entspringt meist immer noch der Kryptowelt.


Kryptokontor hat eine Auswahl der aktuell interessantesten Projekte unter die Lupe genommen und zeigt: Blockchain, Bitcoin & Co. sind lebendiger denn je.


1) LayerZero und Google Cloud


Auch der Internetgigant Google schnuppert nach wie vor Potenzial am Kryptomarkt und möchte mitmischen, wenn es um die Entwicklungen neuer digitaler Lösungen geht. Mitte September hat der Tech-Konzern angekündigt, ab sofort mit dem Omnichain-Interoperabilitätsprotokoll LayerZero zusammenzuarbeiten.


Interoper-was? Für all jene, die noch mit dem Krypto-Jargon zu kämpfen haben: Im Moment ist die Kryptowelt noch stark fragmentiert, das heißt es existieren viele verschiedene Blockchains und Technologien. Diese sind untereinander allerdings nicht kompatibel, was es schwer macht, die im gesamten System stark verstreuten Daten von einer Blockchain auf eine andere zu übertragen.


LayerZero verspricht das zu ändern. Das kanadische FinTech hat ein Interoperabilitätsprotokoll entwickelt, das als dezentrale Schnittstelle zwischen den unterschiedlichen Blockchains fungieren kann – es, umgemünzt auf die analoge Wirtschaft, sozusagen schafft, die Handelsbarrieren zwischen den verschiedenen Krypto-Nationen zu durchbrechen und Transfers trotz unterschiedlicher zugrundeliegender Technologien problemlos zu ermöglichen.


Sogenannte "Oracles" dienen dazu, um Blockchains mit externen Daten zu verbinden, die nicht in der eigenen Blockchain zur Verfügung stehen. Sie sind wie eine Art Brücke zwischen verschiedenen Blockchains untereinander oder auch zwischen der Blockchain und dem Rest der Welt.


Und da der Kryptowelt ja bekanntlich nichts mehr am Herzen liegt, als Daten ohne jegliche Intermediäre schnell von A nach B zu senden, hat LayerZero durchaus Zukunftspotenzial – Potenzial, das nun auch vom Tech-Riesen Google weiter vorangetrieben wird.


Bereits vor der jüngsten Kooperation diente die Google Cloud-Architektur dazu, die Gültigkeit von Zertifikaten außerhalb von Bockchain-Technologien zu überprüfen. Mit der Zeit haben die Google-Entwickler jedoch weitere Anwendungsfälle geschaffen, sodass die Technologie nun auch problemlos Nachrichten auf LayerZero verifizieren kann. Die Integration dieses sogenannten „Oracle“ von Google Cloud ist laut LayerZero ein wichtiger Schritt für eine sichere und zuverlässigere Verbindung der verschiedenen Blockchain-Welten.


Fazit: Selbst Tech-Riesen wie Google versprechen sich viel vom Kryptomarkt und haben Interesse daran, mit ihrem Fachwissen die Brache mitzugestalten. Denn Wissen heißt bekanntlich auch immer Macht - Macht, die es für die aktuellen Global Player der digitalen Welt auch in einer möglichen Krypto-Zukunft aufrechtzuerhalten gilt.


2) Bitcoin Spot ETF


Bereits im Mai hat der weltweit größte Vermögensverwalter und ETF-Anbieter BlackRock einen Antrag für einen Bitcoin Spot- ETF bei der US-Börsenaufsicht eingereicht. Damit reiht es sich ein in eine Liste zahlreicher namhafter Finanzdienstleister, die bereits in der Vergangenheit versucht haben, einen solchen ETF aufzulegen.


Mit dem Einstieg des Finanzriesen BlackRock scheint es jedoch, als hätte das Rennen um einen Bitcoin Spot-ETF einen entscheidenden Siedepunkt erreicht. In der Szene herrscht Optimismus, dass, wenn es jemand schafft, die SEC in die Knie zu zwingen, es BlackRock ist. Selbst jene Investmentfirmen, die in der Vergangenheit bereits abgelehnt wurden – etwa Valkyrie, WisdomTree, Invesco oder Galaxy – haben kurz nach BlackRocks Einreichung neuen Mut gefasst und neue Anträge gestellt.


Vereinfacht gesagt würde ein solcher Spot Bitcoin ETF es Anlegern ermöglichen, einfacher in Bitcoin zu investieren und an dessen Kurs zu partizipieren, ohne sich selbst im Kryptomarkt bewegen zu müssen und Risiken wie Hackerangriffen oder Coin-Diebstählen ausgesetzt zu sein.

Für viele Kleinanleger klingt das attraktiv – und das setzt einen sich selbst verstärkenden Prozess in Gang: Denn je mehr Anleger über den ETF in den Markt gezogen werden, desto größer der Anstieg des Handelsvolumens von Bitcoin, was wiederum die Liquidität im Markt insgesamt erhöht. In der Theorie führt das zu weniger Volatilität und somit zu einem stabileren Bitcoin-Kurs – was wiederum die Attraktivität der Kryptowährung für Privatinvestoren und institutionelle Anleger erhöht.


Darüber hinaus würde die SEC mit ihrer öffentlichen Erlaubnis eines solchen Bitcoin Spot-ETF ein positives Signal in Richtung Anerkennung für Bitcoin und Kryptowährungen generell in die ganze Welt hinaussenden, was die Chancen auf weitere Adoption deutlich erhöht. Ein Bitcoin Spot-ETF wäre also so etwas wie der Heilige Gral der Kryptowelt.


Doch bislang lässt die Genehmigung der SEC weiterhin auf sich warten. Was dem Durchbruch des ersten Bitcoin-ETFs in den USA helfen könnte, ist ein jüngster Vorschlag der Nasdaq-Börse. Diese hatte angeboten, zusammen mit einer US-Spot-Bitcoin-Handelsplattform den Markt zu überwachen, um frühzeitig mögliche Marktmanipulationen zu erkennen und zu verhindern. Das könnte dabei helfen, die Sorgen der SEC rund um Bitcoin-Kursmanipulationen auszuräumen.


Fazit: Es bleibt offen ob und wann sich die SEC dem öffentlichen Wunsch nach einem Bitcoin Spot ETF beugen müssen wird – der Eintritt von BlackRock sowie politische Gremien haben den Druck auf die US-Behörde jedenfalls nochmal ordentlich erhöht.


3) Paypals Stablecoin


Bereits seit 2020 ermöglicht der digitale Zahlungsriese PayPal Krypto-Transaktionen in den USA und in Großbritannien. Drei Jahre später folgte nun ein weiterer Durchbruch: Am 7. August 2023 hat Paypal einen neuen Stablecoin gelauncht: PayPal USD (PYUSD) heißt der an den US-Dollar gekoppelte Stablecoin, der vollständig durch US-Dollar-Einlagen, kurzfristige Anleihen und ähnliche Barmittel besichert ist. Ausgegeben wird er auf der Ethereum Blockchain von der Paxos Trust Co. und soll vor allem für digitale Zahlungen und Transaktionen im Web 3.0 zur Anwendung kommen.


Besonders im Krypto-Bereich werden Transaktionen dadurch erleichtert. Für PayPal selbst ist dieser Schritt zudem finanziell vorteilhaft: Sie können die US-Dollar, die sie zur Besicherung des Stablecoins vorhalten, auch selbst am Kapitalmarkt anlegen und damit Rendite erzielen, die sie nicht an ihre Kunden weitergeben müssen. Das bedeutet zusätzlichen Gewinn für PayPal.


Anleger in den USA können den PayPal USD jederzeit in US-Dollar umwandeln, bei PayPal gegen andere Kryptowährungen tauschen und verschieben. Laut PayPal soll der Stablecoin bald auch als Zahlungsmittel für Einkäufe verwendet werden können.


In der Krypto-Szene munkelt man, dass der Launch des PYUSD PayPals Bestreben zum Ausdruck bringt, zur weltweit ersten Anlaufstelle für Krypto-Zahlungen im alltäglichen Leben aufzusteigen. So etwa erhofft sich PayPal-CEO Dan Schulman laut Presseberichten, dass der neue Stablecoin Teil einer neuen, massentauglichen Zahlungsinfrastruktur werde.


Fazit: Die Einführung des ersten Stablecoin durch ein führendes Finanzinstitut zeigt einmal mehr das reale Zukunftspotenzial der Blockchain-Technologie. Für die Transformation der Finanzindustrie und die weitere Adaption digitaler Vermögenswerte ist der PayPal USD vermutlich ein großer Sprung nach vorn.


4) Digitaler Yuan mit Mastercard und Visa Applikation


Bereits seit den Olympischen Winterspielen in Peking 2022 läuft in China ein Pilotprojekt, in dem die Einführung eines digitalen Zentralbankengeldes, kurz „CBDC“ (Central Bank Digital Currency), getestet wird. Der digitale Yuan, auch e-Yuan oder e-CNY genannt, wird im Gegensatz zu Kryptowährungen wie Bitcoin allerdings nicht dezentral, sondern zentral von der chinesischen Zentralbank ausgegeben und kontrolliert. Zahlungen in e-CNY werden von Nutzern direkt über die Zentralbank abgewickelt, ohne ein Bankkonto bei einer Geschäftsbank eröffnen zu müssen. Stattdessen wird der digitale Yuan direkt von einer E-Wallet zur anderen transferiert, wobei der Geldtransfer auch offline, also ohne Internetzugang, funktioniert.


All das gehört in China mittlerweile zum Alltag der Bürger – zumindest in den Pilotregionen. So etwa auch einhundert Kilometer nordwestlich von Shanghai. Hier liegt die Stadt Changshu, die mit über 1,5 Millionen Einwohnern in etwa der der Größe von Hamburg entspricht. Seit Mai erhalten alle Beamten ihre Gehälter nicht mehr wie gewohnt auf ihre Bankkonten überwiesen, sondern digital – in Form des E-Yuan, der auf die personalisierten E-Wallets übertragen wird.


Seit September neu ist die e-CNY-App, die es nun auch Touristen ohne direkten Zugang zur chinesischen Landeswährung ermöglicht, E-Wallets zu erstellen und diese mittels Mastercard- oder Visa-Zahlungen aufzuladen. Die e-CNY-App befindet sich aktuell noch in der Pilotphase, ist aber für iOS- und Google Play Store-Nutzer in China bereits landesweit verfügbar.


Bei aller Innovationsbegeisterung sollte man dennoch einige Kritikpunkte des digitalen Yuan nicht unter den Tisch kehren: Mittels e-CNY könnte die chinesische Regierung jede Transaktion, die in der digitalen Währung durchgeführt wird, zurückverfolgen – damit also sozusagen die gesamte Wirtschaft überwachen. Bei einer Ausweitung auf ausländische Nutzer wäre es eventuell sogar möglich,

das weltweit anerkannte SWIFT-System zu umgehen und so Sanktionen des Westens unwirksam zu machen.


Fazit: Der e-CNY ist ohne Zweifel innovativ, da er einen neuen, nutzungsfreundlichen Peer-2-Peer-Zahlungsmechanismus ohne Intermediäre schafft und so das Potenzial hat, die Effizienz im Finanzsystem zu erhöhen. Allerdings mangelt es dem e-CNY an einem der Hauptvorteile von Kryptowährungen wie Bitcoin oder Ethereum – nämlich Dezentralität und damit auch der Zensurresistenz.



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